La Scala: Saisoneröffnung am 7. Dezember 2025

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Schostakowitsch: „Lady Macbeth von Mzensk“ (Originalfassung 1934). Dirigent: Riccardo Chailly. Inszenierung: Wassili Barchatow.

Künstlerisches Team und Besetzung

Regie: Wassili Barchatow
Bühnenbild: Sinowi Margolin
Kostüme: Olga Schaishmelaschwili
Licht: Alexander Siwajew

In den Hauptrollen:
Boris Timofejewitsch – Alexander Roslawez
Sinowi Borissowitsch – Jewgeni Akimow
Katerina – Sara Jakubjak
Sergej – Naschmiddin Mawljanow
Zadrypanny muzhichonka – Alexander Krawez
Priester – Waleri Gilmanow
Aksinja – Jekaterina Sannikowa
Sonetka – Jelena Maximowa

Warum gerade diese Oper?

Anlässlich des 50. Todestages von Dmitri Dmitrijewitsch Schostakowitsch eröffnete das Teatro alla Scala die Saison mit einem seiner Meisterwerke: „Lady Macbeth von Mzensk“, nach der Erzählung von Nikolai Leskow. Gezeigt wurde die Originalfassung von 1934 unter der musikalischen Leitung von Maestro Chailly.

La Scala und die Werkgeschichte

In der Scala erklang die Oper erstmals 1964 – damals in italienischer Sprache. 1992 kehrte das Haus zur Originalfassung von 1934 zurück; die russischsprachige Produktion stand unter der Leitung des südkoreanischen Dirigenten Myung-Whun Chung, der ab 2027 den langjährigen Chefdirigenten Riccardo Chailly ablösen soll. Chailly prägte das Haus in den letzten zehn Jahren als musikalischer Leiter entscheidend.

Gesehen auf ARTE

Ich habe die Aufführung als Live-Übertragung auf ARTE verfolgt. Schon die Tatsache, dass das führende Opernhaus der Welt die Saison mit einer russischen Oper eröffnet, wirkt wie ein Statement: ein autonomes, unabhängiges Haus, das sich nicht treiben lässt, sondern seine künstlerischen Prinzipien und sein Repertoire selbstbewusst behauptet.

Das Regiekonzept: 1930er statt 19. Jahrhundert

Barchatow verlegt die Handlung aus der Mitte des 19. Jahrhunderts in die 1930er Jahre und verwebt dabei vieles, was er offensichtlich über 1937 in der Sowjetunion gelesen hat. Leitmotivisch ziehen sich Verhör- und NKWD-Szenen durch den Abend: Verhaftete, Denunzianten, das ganze Milieu einer Geheim- und Staatspolizei – als Schattenapparat, der an Scarpias Welt in Puccinis „Tosca“ erinnert.

Die Oper beginnt mit der bereits verhafteten Katerina Ismailowa, die dem verhörenden Offizier ihre Geschichte erzählt. Dazu erscheinen Videoeinblendungen: Fingerabdrücke, Registraturen, alles, was man mit Festnahme und Verhör verbindet. Aksinja wiederum berichtet nicht einfach Katerina von dem neuen Arbeiter Sergej, sondern „meldet“ es dem Offizier – als Denunziation.

Wenn die Idee alles überrollt

Man kann so eine Lesart wählen. Wenn jedoch eine fixe Regieidee alle anderen Überlegungen verdrängt, wird die erzählte Geschichte schnell unklar und in sich unlogisch. Dazu kommt eine stark überladene Bühne: ein Dauerfluss an Details, Bewegung und Effekten – nach dem Prinzip, dass das Auge niemals zur Ruhe kommen soll.

Das erinnerte mich an Hans Neuenfels’ „Pique Dame“ in Salzburg: visuelle Reize und „Einfälle“ ohne Ende. Geschmacklich überzeugt mich das selten. In dieser Produktion wird Katerina zudem mit der Bezeichnung „Schlampe“ belegt – nicht zufällig, so scheint es, im Tonfall der Inszenierung.

Abweichungen vom Ende

Im Original zieht Ismailowa Sonetka mit sich in den See; beide ertrinken, und selbst der Wächter sagt noch auf Russisch: „Utonuli. Obe.“ Bei Barchatow jedoch verbrennt Katerina Sonetka – mit Anklängen, die an „Jeanne d’Arc“ oder an Erinnerungen an politische Repressionen der 1930er Jahre denken lassen. Und doch bleibt Ismailowa „irgendwie“ am Leben, weil sie später dem NKWD-Offizier wieder ihre Geschichte beichtet.

Publikumsreaktion und Sänger

Nach den „Bravo“-Rufen und dem, was ich am Bildschirm beurteilen konnte, hatte die Produktion beim Publikum Erfolg. Es gab sogar deutlichen Applaus für den Regisseur – heute keine Selbstverständlichkeit. Die amerikanische Sopranistin Sara Jakubjak schien die einzige aus dem Ensemble zu sein, die die strenge Mailänder Öffentlichkeit mit besonderen „Bravo“-Rufen bedachte.

Naschmiddin Mawljanow erhielt diesen Zuspruch nicht; aus meiner Sicht nicht ganz zu Unrecht. Auch äußerlich wirkte er wie vieles – aber nicht wie Sergej.

Vergleich: Wien wirkte geschlossener

Die Wiener Produktion von Matthias Hartmann unter Alexander Soddy (die 2023 in den Spielplan zurückkehrte) hinterließ bei mir ein deutlich stärkeres und in sich geschlosseneres künstlerisches Gesamtbild.

Und dennoch: ein wichtiges Zeichen

Trotz aller Einwände bleibt es richtig und wichtig, dass ein Haus wie die Scala im Jahr des 50. Todestages des großen Komponisten zu seinem wichtigsten Opernwerk greift. „Lady Macbeth von Mzensk“ ist eine der zentralen Opernklassiker des 20. Jahrhunderts.

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