Wieder geht ein Jahr zu Ende, und wieder bringt es uns nicht die erhoffte Nachricht vom Frieden. Nun уже das vierte Jahr bleibt nur das Warten und Hoffen. Am Ende des ersten Jahres dieses absurden Krieges habe ich bereits einen Text über die düsteren Perspektiven veröffentlicht, die mich damals dazu brachten, Zuflucht in einer helleren Vergangenheit zu suchen. Diesen Text gebe ich hier erneut wieder. Er entstand an der Schwelle des tragischen Jahres 2022.
Rückzug in die Kunst
Die Abwesenheit jeder Hoffnung auf eine nahe glückliche Zukunft zwang mich, in die jüngere Vergangenheit zurückzukehren. Welch ein Glück, dass einige von uns noch immer YouTube haben, das uns den Zugang zu unterschiedlichsten Kunstformen eröffnet: Oper, Ballett, instrumentale Musik, Schauspiel.
Beim Eintauchen in die Archive von Gosteleradio stieß ich auf unvergängliche Werke der Theaterkunst, etwa auf die legendäre Inszenierung des BDT „Fünf Abende“ nach dem Stück von Alexander Wolodin, die 1959 als Hörspiel aufgenommen wurde.
„Fünf Abende“ – ein Wendepunkt
Diese Inszenierung von Georgi Towstonogow bewegte damals unterschiedlichste Schichten der Gesellschaft – und bewegt bis heute. Die damalige Parteiführung Leningrads reagierte feindselig; es grenzt an ein Wunder, dass die Aufführung überhaupt stattfinden durfte. Eine Fernsehaufzeichnung wurde jedoch strikt verweigert.
So blieb das Werk im Radio erhalten. Manchmal denke ich sogar, dass dies ein Glück ist: Ohne Bilder regt die Hörfassung meine eigene Vorstellungskraft noch stärker an.
Nähe zur Tradition des Moskauer Künstlertheaters
Oleg Bassilaschwili sprach sehr treffend über diesen Abend: Gerade in dieser Inszenierung habe er die lebendige Verbindung zu den Traditionen des Moskauer Künstlertheaters besonders stark gespürt – zu einer Zeit, als diese Traditionen im MChAT selbst bereits erstarrt waren.
Menschen wie wir
Die eigentliche Neuerung von „Fünf Abende“ bestand darin, dass endlich Menschen wie wir selbst auf der Bühne erschienen: Bewohner von Kommunalwohnungen, mit tropfendem Wasserhahn, einem Waschzuber im Flur und zehn Klingeln an der Wohnungstür. Es war der Durchbruch aus der Ära des Sozialistischen Realismus in die Zeit des sogenannten Tauwetters – als auf der Bühne endlich über uns und unsere gemeinsamen Probleme gesprochen wurde.
Ein Ensemble für die Ewigkeit
Die vier Hauptrollen wurden von Jefim Kopeljan, Sinaida Scharko, Kirill Lawrow und Ljudmila Makarowa verkörpert – Schauspieler, die ihr gesamtes künstlerisches Leben am Towstonogow-BDT verbrachten. Kopeljan und Makarowa arbeiteten dort sogar schon vor der Ära Towstonogow.
Diese Schauspieler waren meine Idole seit meiner Jugend, seit „Drei Schwestern“, der ersten Aufführung, die ich 1966 im Leningrader BDT sah.
Stimmen, die bleiben
„Fünf Abende“ konnte ich altersbedingt damals nicht sehen. Meine Begegnung mit dieser legendären Aufführung erfolgte erst viel später – in der Radiofassung. Und doch lebt sie in mir bis heute.
Kirill Lawrow spielte den kaum zwanzigjährigen Slawik, obwohl er 1959 bereits 34 war. Dennoch verrieten Stimme, Gestik und Präsenz den Jungen ebenso wie den bereits großen Schauspieler. Ljudmila Makarowa, damals 38, verwandelte sich mit erstaunlicher Wahrhaftigkeit in die sensible, naive Katja.
Schauspiel als gelebtes Leben

Sinaida Scharko „spielte“ ihre Rollen nicht – sie lebte sie. Irgendwann vergaß man, dass sie Schauspielerin war, und glaubte, sie sei tatsächlich Tamara Wassiljewna aus der Leningrader Fabrik „Roter Dreieck“.
Kirill Lawrow blieb für mich stets eine nahe, vertraute Gestalt. Keine andere Figur der Towstonogow-Ära rief in mir so viel Liebe und Bewunderung hervor. Seine Rollen leben bis heute fort.
Dankbarkeit und Erinnerung

Jefim Kopeljan starb viel zu früh, mit nur 62 Jahren. Doch er lebt weiter in der Erinnerung all jener, die seinem Kunst begegnet sind. Gleiches gilt für Sinaida Scharko, die 2016 im Alter von 87 Jahren verstarb, und für Ljudmila Makarowa, die 2014 mit 93 Jahren von uns ging.
Warum ich all dies heute, am Vorabend des neuen Jahres, aufgeschrieben habe? Weil ich beim Rückblick auf das vergangene Jahr nicht über mich selbst schreiben wollte, sondern über jene, die „über der Dichtung mit Tränen lachten“ und unser Leben reicher und glücklicher gemacht haben.
Ihr Andenken sei gesegnet. Dankbarkeit und Liebe diesen wunderbaren Schauspielern und wunderbaren Menschen.
Boris Bloch
